Eine Generation vor James Joyce bediente sich Arthur Schnitzler in seiner Novelle 'Lieutenant Gustl' des revolutionären erzählerischen Stilmittels des 20. Jahrhunderts schlechthin: des 'Inneren Monologs'. In meisterhafter Manier lässt der Autor den Lieutenant selbst seine Handlungskonfusion, seine Doppelmoral und die Erschütterung seines Selbstbildes entblößen. Schnitzler legt durch diesen grandiosen Einsatz des innovativen Stilmittels die Innenwelt seines Antihelden offen und führt die Überkommenheit der Standesdünkel im Wien des Fin de Siècle vor.
Schnitzlers berühmte Erzählung über die zerstörerische Wirkung des militärischen Ehrenkodex' auf die Psyche des Helden wird hier originalgetreu nach dem Erstdruck von 1900 vorgelegt.
Arthur Schnitzler war wohl der erste deutschsprachige Autor, dem eine wirklich plastische Darstellung des Denkens und Fühlens seiner Figuren gelang, ja mehr noch: Die angewandte Erzähltechnik des >inneren Monologs< gestattete erstmals quasi eine »Verschmelzung« mit ihrem subjektiven Bewusstsein. Idealtypisch führt dies seine Erzählung >Lieutenant Gustl< vor, die hier in der Erstausgabe von 1900 präsentiert wird.
Dort trägt der Protagonist noch seine französische Rangbezeichnung. Der junge Offizier Gustl, der von einem nicht satisfaktionsfähigen Bäckermeister beleidigt wird und sich deshalb nach dem Ehrenkodex der Armee erschießen müsste, durchleidet eine Nacht der Todesangst. Erst am Morgen erfährt er, dass sein Angstgegner einem Schlaganfall erlegen ist.
Streng monologisch verfasst, erzeugt die Leidenssuada einen enormen Sprachsog, der die zerstörerische Wirkung autoritärer Zwänge drastisch vor Augen führt. Angesichts des alptraumartigen Szenarios aus Doppelmoral, Versagen und Missbrauch überfällt den Leser ein fiebriger Identifikationszwang wider Willen, der den >Lieutenant< als eine der einflussreichsten Erzählungen des letzten Jahrhunderts ausweist.