Atome in Materialien vollführen einen unaufhörlichen Tanz. Das Allergien auslösende Ragweed breitet sich in Europa aus. Die Einheitszivilisation erobert die letzten Winkel der Welt. Drei Beispiele für die Diffusion, die zwar dem Zufall folgt, deren Ergebnis trotzdem vorhersehbar ist.
Zufalls-Ausbreitung, von ihren ersten Erforschern Diffusion genannt, folgt Gesetzen, die Wissenschaftler aus verschiedenen Wissensgebieten entdeckt haben: der Botaniker Brown beschrieb das Phänomen, der Physiologe Fick entdeckte die zugehörige Physik, der große Einstein fand die mathematische Logik, und der Genetiker Cavalli-Sforza erkannte ihre Relevanz für die Ausbreitung von Menschen und Kulturen. Es ist hoch interessant zu verfolgen, aus welchen Seitenwegen die Forscher kamen und welche Zufälle in ihrem Lebenslauf dazu führten, dass sie die übergreifenden Gesetze durchschauten. Wir folgen ihren Gedankengängen ganz ohne Mathematik.
Die Erforschung der Diffusion geht weiter, und immer mehr Ausbreitungsvorgänge können beschrieben werden. Die erstaunlich erscheinende Diffusion von Atomen sogar in festen Körpern kann bald in allem Detail durchschaut werden, und Computer-Modellen ermöglichen Prognosen, die uns vor den bedrohlichen Folgen von Invasionen neuer Tier- und Pflanzen-Arten und der Ausbreitung von Epidemien warnen. Vielleicht werden wir schließlich auch die Ausbreitungsprozesse von Sprachen verstehen lernen und eine Möglichkeit finden, das Aussterben kleiner Sprachen zu verhindern.
Der österreichische Physiker Gero Vogl fand 1976 ein spezielles Gesetz dafür, wie radioaktive Teilchen durch Festkörper wandern, und erforscht seither in interdisziplinären Arbeitsgruppen die unterschiedlichsten Diffusionsphänomene - von der Ausbreitung biologischer Arten bis zu der von Seuchen, Sprachen und Kulturen. Darüber hat er ein ungemein lebendiges und überhaupt nicht diffuses Buch geschrieben.
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